Besser lesen
Deutsche Texte zu lesen, ist für Sprachlernende oft nicht einfach. Welche Strategien helfen, sie schneller zu verstehen?
Von Eva Pfeiffer
Die Russin Maria Hasbolat versteht kaum ein Wort, als sie im Jahr 2007 nach Deutschland kommt. Ihr erster Wohnort im Land macht es nicht einfacher: Stuttgart ist bekannt für seinen schwäbischen Dialekt. Aber Hasbolat will unbedingt Deutsch sprechen, verstehen – und lesen.
„Ich war Au-pair und habe im Regal meiner Gastmutter nach einem Buch gesucht“, erzählt die heute 37-Jährige. „Viele Bücher wirkten sehr schwierig. Aber dann habe ich einen Liebesroman gefunden. Er hatte viele Dialoge. Deshalb dachte ich, dass er leichter zu lesen ist.“
Tatsächlich muss es nicht gleich Goethe sein. Besonders gute literarische Texte verwenden eine andere Sprache als zum Beispiel die aus dem Deutschunterricht. Leichte fiktionale Geschichten sind ein prima Start. Auch Magazine sind wegen ihrer kürzeren Texte zu empfehlen.
Meistens lesen die Lernenden Texte auf Deutsch intuitiv richtig.
Trotzdem ist Hasbolats erstes Buch auf Deutsch eine Herausforderung. „Die ersten Seiten waren besonders harte Arbeit. Ich habe viele Wörter nachgeschlagen. Die habe ich dann aufgeschrieben, um sie zu lernen“, sagt sie. „Aber nach den ersten Seiten wurde es leichter. Der Autor hat viele Wörter vom Anfang wiederholt.“
Heute hilft Hasbolat anderen beim Deutschlernen: Auf ihrer Onlineplattform dein-sprachcoach.de, auf Instagram, Tiktok und Youtube unterrichtet sie die Sprache. Und sie hat eine gute Nachricht: „Meistens lesen die Lernenden Texte auf Deutsch intuitiv richtig.“
Einen Text kann man nämlich auf verschiedene Arten lesen. Hasbolat erklärt: „Alles hängt davon ab, mit welchem Ziel ich einen Text lese.“ So liest man einen Roman anders als ein Kochrezept oder eine Stellenanzeige. Deshalb hilft es, vor dem Lesen die Textsorte zu identifizieren. Dazu liest man am besten die Überschrift und die ersten Sätze. Oft hilft auch das Lesen des Endes.
Überlegen Sie, wie Sie den Text in Ihrer Muttersprache lesen würden.
Kennen wir die Textsorte, hilft uns das beim Verstehen. Denn wir haben bestimmte Erwartungen an den Text. Bei einem Rezept für Aprikosenkuchen erwarten wir keine romantische Liebesgeschichte, sondern eine Liste mit den Zutaten und eine Anleitung zum Backen. Das Gehirn kann sich so gut auf bestimmte Informationen konzentrieren.
Wenn die Textart klar ist, sucht man als Nächstes die passende Lesestrategie. So lesen wir ein Kochrezept anders als einen Zugfahrplan oder einen Zeitungsartikel. Hasbolat empfiehlt außerdem: „Überlegen Sie, wie Sie den Text in Ihrer Muttersprache lesen würden. Das gilt dann genauso für das Deutsche.“
Die drei wichtigsten Strategien sind das globale, das selektive und das detaillierte Lesen. Diese Techniken machen es einfacher, gut Deutsch zu lesen.