Manchester Triage System (MTS)
Manchester Triage System (MTS) – Komplette Zusammenfassung für die Klausur
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1. Was ist das Manchester Triage System (MTS)?
Das Manchester Triage System ist ein strukturiertes Instrument zur Ersteinschätzung von Patienten in der Notaufnahme. Es dient dazu, die Behandlungsdringlichkeit zu erkennen und Patienten in die richtige Reihenfolge der Behandlung zu bringen.
Wichtiger Begriff: In Deutschland wird der Begriff "Ersteinschätzung" verwendet, nicht "Triage". Denn bei der Triage im MANV werden Patienten von der Behandlung ausgeschlossen – das passiert in der Notaufnahme nicht.
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2. Warum braucht man die Ersteinschätzung?
Notaufnahmen stehen vor drei großen Problemen:
1. Steigende Patientenzahlen: 5–10% Anstieg pro Jahr, manchmal sogar 20–40%.
2. Vielfältiger Gefährdungsmix: Von Bagatelle (Hausarztfall) bis zur vitalen Bedrohung.
3. Unvermeidbare Wartezeiten: Weil nicht genug Personal und Ressourcen da sind.
Die Ersteinschätzung löst nicht die Wartezeiten, aber sie stellt sicher, dass gefährdete Patienten zeitnah erkannt und behandelt werden. Leichter Erkrankte können länger warten – das ist für sie akzeptabler, wenn sie wissen, dass Schwererkrankte vorgehen.
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3. Die 5 Dringlichkeitsstufen mit Zeitrahmen
Das MTS arbeitet mit 5 Stufen (nur fünfstufige Systeme liefern ausreichende Qualität). Jede Stufe gibt einen Zeitrahmen vor, innerhalb dessen der erste Arztkontakt (nicht die komplette Behandlung!) erfolgen muss.
Stufe Farbe Bedeutung Zeit (Minuten)
1 ROT Sofort / lebensbedrohlich 0 (sofort)
2 ORANGE Sehr dringend 10
3 GELB Dringend 30
4 GRÜN Normal / weniger dringend 90
5 BLAU Nicht dringend 120
Merke: Solange der Patient wartet, bleibt er unter der Beobachtung der Pflegekraft, die die Ersteinschätzung durchgeführt hat.
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4. Aufbau des MTS
Das MTS arbeitet mit 50 Präsentationsdiagrammen (Beschwerdebildern). Aus der Hauptbeschwerde des Patienten wird das passende Diagramm ausgewählt.
Zwei Arten von Indikatoren (Symptomen):
· Generelle Indikatoren: Symptome, die unabhängig vom Beschwerdebild immer vorkommen können (z.B. Schock, Atemstillstand).
· Spezielle Indikatoren: Symptome, die nur für ein bestimmtes Beschwerdebild relevant sind (z.B. Pleuraschmerz bei Thoraxschmerz).
Wichtig: Die Abfrage erfolgt mit abnehmender Dringlichkeit (zuerst ROT, dann ORANGE, dann GELB usw.). Der erste zutreffende Indikator bestimmt die Dringlichkeitsstufe. Das ist der Grund für die Schnelligkeit des MTS (Ziel: 60–90 Sekunden).
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5. Der Prozess der Ersteinschätzung (Schritt-für-Schritt)
1. Begrüßung des Patienten: Bereits die Umstände des Eintreffens geben wichtige Informationen (Rettungswagen? zu Fuß?). Erster Eindruck: Atemprobleme? Stärkste Schmerzen? Auffällige Blässe? Krampfanfall? Bei offensichtlichen Symptomen sofort höchste Stufe (ROT).
2. Vorgeschichte: Kurze Befragung des Patienten zu seinen aktuellen Beschwerden. Die Herausforderung: einen zu ausführlichen Erzählfluss bremsen, ohne wichtige Informationen zu unterdrücken.
3. Die Hauptbeschwerde: Aus den Informationen des Patienten wird die Hauptbeschwerde abgeleitet. Danach wird das passende Präsentationsdiagramm ausgewählt.
4. Eingrenzende Fragen: Dem ausgewählten Diagramm folgend werden die Indikatoren in absteigender Dringlichkeit abgefragt. Der erste zutreffende Indikator beendet den Prozess – die Dringlichkeitsstufe ist zugewiesen.
5. Körperliche Untersuchung / Bestimmung von Parametern: Für den Ausschluss oder die Bestätigung einzelner Indikatoren werden Vitalparameter bestimmt (Puls, Temperatur, Sauerstoffsättigung). Auch die Inspektion einer Wunde kann nötig sein.
6. Schmerzeinschätzung: Das MTS legt einen großen Wert auf die Schmerzeinschätzung. Grundsätzlich wird die Eigeneinstufung des Patienten akzeptiert. Das Risiko, dass der Schmerz zu hoch angegeben wird, wird in Kauf genommen.
7. Zuweisung der Dringlichkeitsstufe: Aus den vorliegenden Ergebnissen wird die passende Stufe zugewiesen (ROT, ORANGE, GELB, GRÜN, BLAU).
8. Dokumentation: Alle erfassten Informationen werden dokumentiert. Dazu gehört auch, ob Allergien oder Medikamentenangaben ermittelt wurden. Ebenso werden erste Versorgungsmaßnahmen (Verbände, Kühlungen, Lagerungen) dokumentiert.
9. Kontrolleinschätzung: Die Ersteinschätzung ist eine Momentaufnahme der Situation des Patienten. Der Patient wird von der Pflegekraft überwacht. Bei sichtbarer Verschlechterung, nach Gabe von Schmerzmedikation oder bei Überschreiten der maximalen Wartezeit muss eine Neueinschätzung erfolgen.
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6. Wichtige Grundsätze (Merke für die Klausur!)
· Die Ersteinschätzung ersetzt keine Diagnostik.
· Kein Patient wird von der Behandlung ausgeschlossen (keine "Triage" im militärischen Sinne!).
· Die Ersteinschätzung reduziert nicht automatisch die Summe aller Wartezeiten, aber sie macht die Wartezeiten zumutbar für den Patienten.
· Das Ergebnis der Ersteinschätzung muss dem Patienten und (besonders bei Kindern) den Eltern/Angehörigen verständlich gemacht werden. Der schweigende Rückzug auf Expertenwissen ist kontraproduktiv.
· Die Ersteinschätzung ist ein dynamischer Prozess – der Zustand des Patienten kann sich ändern.
· Die Ersteinschätzung sollte durch eine erfahrene Pflegekraft mit einer guten Gabe zur Krankenbeobachtung durchgeführt werden (Empfehlung der Manchester Triage Group).
Warum wurde das MTS für den deutschsprachigen Raum ausgewählt?
· 5 Dringlichkeitsstufen (nur fünfstufige Systeme liefern ausreichende Qualität)
· Basierend auf Symptomen
· Aufbau als Diagramm ermöglicht schnelle Anwendung
· Gute Validierung (wissenschaftlich geprüft)
· Weite Verbreitung in Europa
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7. Was kann man mit dem Ergebnis der Ersteinschätzung machen?
· Steuerung der Patientenströme: Patienten, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören, können zur KV-Notfallpraxis (falls vorhanden) geschickt werden.
· Primäre fachliche Zuständigkeit: In Absprache mit den Fachabteilungen kann eine primäre Zuständigkeit festgelegt werden (z.B. Chirurgie, Innere Medizin).
· Behandlungsstandards: Für bestimmte Diagramm-Indikator-Kombinationen können Behandlungsstandards beschrieben werden – noch vor dem Arztkontakt.
· Laborprofile: Genau definierte Laborprofile können sofort bestimmt werden (Rationalisierung statt Rationierung).
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8. Fallbeispiel (aus deinem Text)
Ausgangslage:
Ein 33-jähriger Mann kommt zu Fuß in die Notaufnahme und klagt über Schwierigkeiten beim Atmen.
Schritt 1 – Erster Eindruck:
Kein Hinweis auf einen Indikator der höchsten Stufe (ROT).
Schritt 2 – Hauptbeschwerde:
Mögliche Diagramme: "Atemnot beim Erwachsenen", "Asthma", "Thoraxschmerz", "Körperstammverletzung".
Der Patient verneint einen Unfall. Das Problem hat sich innerhalb von zwei Tagen entwickelt. Kein Asthmaleiden bekannt.
→ Diagramm "Atemnot" oder "Thoraxschmerz" wird ausgewählt.
Schritt 3 – Indikatoren abfragen (absteigende Dringlichkeit):
· ROT (0 min) – geprüft und ausgeschlossen: Keine Atemwegsgefährdung, keine unzureichende Atmung, kein Stridor, kein Speichelfluss, kein Schock.
· ORANGE (10 min) – geprüft und ausgeschlossen: Patient voll orientiert, spricht in ganzen Sätzen, kein kardialer Schmerz, keine Verletzung, keine auffällige respiratorische Anamnese, Puls 100/min (akzeptabel), Sauerstoff 94%, keine stärksten Schmerzen, nicht erschöpft.
Schritt 4 – Nächste Stufe (GELB):
Der Patient gibt an, dass sich der Schmerz bei tiefem Luftholen verstärkt.
→ Indikator "Pleuraschmerz" trifft zu.
Ergebnis:
Dringlichkeitsstufe GELB (30 Minuten).
Dokumentation:
· Diagramm: Thoraxschmerz
· Indikator: Pleuraschmerz
· Dringlichkeitsstufe: GELB (30 min)