Wenn Liebe keine Grenzen kennt


Jedes achte Paar in Deutschland hat mindestens zwei unterschiedliche Pässe. Wie klappt die interkulturelle Liebe am besten? Ein deutsch-türkisches Paar erzählt.

Von Barbara Kerbel

Kadir Karatas und Leonie Rettig

Türkei und Deutschland (beide 29)

Er sagt: Wir sind beide Tangotänzer und haben uns vor eineinhalb Jahren auf einer Tango-Veranstaltung in Berlin kennengelernt. Ich habe damals in Hamburg gewohnt und gearbeitet und bin nur für diese Veranstaltung nach Berlin gekommen. Auf solchen Veranstaltungen kann jeder mit jedem tanzen. Dafür nimmt man Blickkontakt miteinander auf, im Tango heißt das Cabeceo. Wir haben uns also angeschaut, vier Lieder lang getanzt und sind dann raus an die frische Luft. Da haben wir gleich unsere Kontakte ausgetauscht. Die Veranstaltung ging drei Tage lang. Von da an waren wir in Kontakt. Später kam Leonie zu mir zu Besuch. Dann habe ich sie in Berlin besucht. Bald waren wir ständig zwischen beiden Städten unterwegs und ein Paar. Ich bin für das Masterstudium nach Hamburg gekommen und habe danach einen Job bei Airbus in Hamburg bekommen. Seit Kurzem arbeite ich in der Nähe von Berlin. Seitdem wohnen wir zusammen.

Wir waren 28, als wir uns kennengelernt haben, wir waren also schon erwachsen. Nach ein paar Monaten habe ich mir die Frage gestellt, wie ernst die Beziehung für mich ist. Die Antwort darauf war sehr klar. Und so habe ich das auch meinen Eltern erklärt.

Für meine Familie war unsere Beziehung schon ein sehr großer Schritt. Ich komme aus Eskişehir, einer kleinen Stadt im Zentrum der Türkei. Ich bin der Einzige in der Familie, der für ein Studium ins Ausland gegangen ist. Die meisten meiner Verwandten leben noch in meiner Heimatstadt.

Wir haben uns gut vorbereitet, als wir zum ersten Mal zusammen in die Türkei geflogen sind. Leonie war die erste ausländische Person, die meine Eltern so genau kennengelernt haben. Und dann war sie so offen, so lebendig! Sie hat mit jedem kommuniziert, obwohl sie noch nicht so gut Türkisch konnte. Meinen Eltern hat das sehr gefallen. Wenn es richtig ist, verstehen das die Eltern. Auch wenn sie vielleicht ein bisschen traurig sind, dass ich in Deutschland bleibe.

In der türkischen Kultur ist der Familienzusammenhalt sehr wichtig, und auch auf das Erhalten einer langfristigen Beziehung wird viel Wert gelegt. Wir denken, dass wir den richtigen Lebenspartner nur ein Mal im Leben finden. Als ich gemerkt habe, dass Leonie auch so denkt, war für mich alles klar.

„Wir haben uns angeschaut, vier Lieder lang getanzt und sind dann raus an die frische Luft.“

Sie sagt: Es ist vielleicht eine sehr romantische Ansicht, aber ich denke, wir mussten uns einfach finden. Wir waren beide 28, als wir uns kennengelernt haben, und sind beide sehr erwachsen in die Beziehung gegangen. Es war schnell klar, dass es ernst ist. Wir haben ähnliche Vorstellungen und Werte und dieselbe Vision vom Leben. Aber unserer kulturellen Unterschiede sind wir uns auch bewusst.

Zum Beispiel ist mir durch die Beziehung klar geworden, wie verschieden geprägt wir sind. Hier in Deutschland wird Individualität sehr großgeschrieben. Kadir aber kommt mit einem sehr großen Wir-Verständnis in die Beziehung. Ich finde das sehr schön, weil ich so etwas suche und mich damit wohlfühle. Aber trotzdem kommt es manchmal zu Reibungen, weil wir mit verschiedenen Gedanken und Haltungen in die Beziehung und in den Alltag gehen.

Das betrifft nicht nur uns beide. Es fällt mir auch auf, wenn wir mit anderen Menschen sprechen. In der Türkei steht die Familie an erster Stelle. Das türkische Ideal ist es, Krisen gemeinsam durchzustehen – und eben nicht auseinanderzugehen. Das Ende eines deutschen Films über eine Ehekrise wäre wahrscheinlich, dass die Frau alleine glücklich ist. Da denke ich mir inzwischen: Wie schade, dass die Trennung auch noch beworben wird.

Wir versuchen, mit allen Unterschieden bewusst zu leben. Die Sprache ist ein sehr zentraler Punkt in der Beziehung. Ich lerne Türkisch, damit ich auch mit seiner Familie sprechen kann. Unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch. Aber für mich ist es die Muttersprache und für Kadir nicht. Deshalb tun wir viel dafür, sehr bewusst zu kommunizieren.

Zum Beispiel braucht er natürlich länger als ich, um etwas zu formulieren. Wir haben uns angewöhnt, uns zu fragen, wie wir etwas meinen. Und wir benutzen unsere Körpersprache, um den Kontext zu bewerten. Manchmal ärgere ich mich über etwas und merke dann: Es ist gar nicht so gemeint. Vielleicht kommunizieren wir mehr als andere Paare. Wir stellen mehr Fragen und erklären uns besser.

Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch gut streiten können. Ich bin Musikerin, er Türke – da prallen manchmal schon auch die Emotionen aufeinander. Aber das ist meistens ganz schnell wieder vorbei.